Opfer und Täter

Veröffentlicht am 13.04.2019 in Kreisverband

Unsere Vorsitzende Birte Könnecke hat bei der Mahnwache für Demokratie und gegen Faschismus zum Thema Opfer und Täter gesprochen und wie die rechten Nationalisten immer zwischen richtigen und falschen Opfern und Täter unterscheiden. Wir veröffentlichen hier den Wortlaut dieser Rede.

Opfer und Täter

Wenn jemand Opfer eines Gewaltverbrechens wird, ist er ein Opfer. Wenn jemand eines begeht, ist er ein Täter. So weit, so einfach. Für mich. Und für Sie. Nicht aber für Rechtsextreme. Da muss man genau schauen, dass man auch das richtige Opfer und den richtigen Täter hat.

Im Saarland hat die Polizei eine Statistik veröffentlicht, dass ein Großteil der Täter bei Messerstechereien Deutsche (80%) sind. Die AfD wollte dies genauer wissen und fragte nach, ob es Namenshäufungen gäbe (vermutlich wohl um nachzuweisen, dass es sich nicht um „echte“ Deutsche handelte). Die gab es:

Michael (24 Fälle), Daniel (22 Fälle), Andreas (20 Fälle), Sascha (15 Fälle), Thomas (14 Fälle), Christian (13 Fälle), Kevin (13 Fälle), Manuel (13 Fälle), Patrick (13 Fälle), David (12 Fälle), Jens (12 Fälle), Justin (11 Fälle) und Sven (11 Fälle).
 
Somit hörte man davon nichts mehr, es handelte sich um falsche Täter. Einzelfälle. Ebenso gibt es falsche Opfer.

Ausländische Frauen, die von deutschen Männern sexuell belästigt werden, haben es in deren Wahrnehmung grundsätzlich verdient und sind selber Schuld. Ebenso übrigens deutsche Frauen, die von deutschen Männern vergewaltigt oder misshandelt werden. Jede vierte Frau erfährt in Deutschland sexuelle Übergriffe daheim in der Beziehung. Dies ist keine Erwähnung wert. Für Rechtspopulisten darf der deutsche Mann so etwas anscheinend.

Wenn ausländische Männer ausländische Frauen vergewaltigen, interessiert es auch nicht. Es muss schon das richtige Opfer (die deutsche Frau) auf den richtigen Täter (den ausländischen Mann) treffen, damit man sich empört, Mahnwachen ins Leben ruft, demonstriert, nach Bürgerwehren ruft und überhaupt Recht und Gesetz und die Grundfesten der Gesellschaft erschüttert sieht.

Besonders widerwärtig wird es, wenn sich die AfD selbst als Opfer darstellt und sich als „neue Juden“ bezeichnet. Während sie nichts als Hass und Hetze streut, wird sich gleichzeitig in Selbstmitleid gesuhlt. Da wird über Angreifer mit Kanthölzern fabuliert und Farbbeutelattacken zu Mordversuchen hochgeschraubt. Zugleich werden Millionen Opfer des Faschismus als Vogelschiss verunglimpft.

Aussagen in sozialen Netzwerken wie: „Die weiße Rose würde AfD wählen“ zeigt das Ausmaß der Verachtung gegenüber den Opfern des Nazi-Terrors.

Auf Facebook macht ein Sharepic die Runde. Es zeigt das Bild eines alten Mannes mit folgenden Worten: „Die Hetze, die zur Zeit gegen die Anhänger von Pegida oder AFD betrieben wird, erinnert mich stark an die Nationalsozialistische Hetze vor Inkrafttreten der Reichsprogome.“

Unter diesem Satz steht der Name Aaron Grünberg, der ein angeblicher Holocaustüberlebender sein soll.

Die Internetseite Mimikama, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Falschnachrichten zu entlarven, schreibt hierzu: An Niedertracht ist dieses Bild kaum zu überbieten. Bei der abgebildeten Person handelt es sich nicht um „Aaron Grünberg“, sondern um Leon Greenman (Bildvergleich). Der gebürtige Brite Leon Greenman lebte zur Zeit der Nazi-Besetzung mit seiner Familie in den Niederlanden.  Sie wurden nach Auschwitz-Birkenau geschickt. Seine Frau und sein Sohn wurden bei der Ankunft ermordet, Greenman überlebte 18 Monate lang Konzentrations- und Arbeitslager.

Er verstarb 2008, setzte sich jedoch Zeit seines Lebens gegen Faschismus und Rechtsextremismus ein.

Ein modernes Feindbild der neuen Rechten ist Greta Thunberg: Vorzeige-AfDler Michael van Laack schwadorniert über sie:

Was der NSDAP in den Zwanzigern die Arbeitslosigkeit, das soll dem atheistischen Sozialismus der Klimaschutz werden. Was den einen der Führer, ist manchen heute Greta. Eine Lichtgestalt, Hoffnungsträgerin, Wegweiserin in eine bessere Zeit. Der Unterschied zu Hitler – und das macht es noch gefährlicher: Der Führertyp Greta ist leichter austauschbar, man kann ein anders Gesicht an die Spitze der Kampagne stellen, wenn die eigenen Strategen es für notwendig halten, um den Schwerpunkt auf andere Bereiche und Aspekte zu setzen.

Solche Beispiele, wie Opfer und Täter von den Rechten vertauscht werden, gibt es viele und ich hätte gerne noch mehr rausgesucht. Leider wird es mir jedesmal speiübel, wenn ich deren Seiten aufrufe und mir den braunen Dreck anschaue. Auf dieses Ausmaß von Menschenverachtung reagiere ich allergisch.

Lassen Sie uns aufpassen und nicht den gleichen Fehler machen. Selbst in seriösen Medien ist es leider Sprachgebrauch, dass Ausländer Terrorakte begehen, während Deutsche psychisch verwirrte Einzeltäter sind. Oder wie jetzt in Christchurch „Amokläufer“. Ich finde es übrigens an Absurdität kaum zu überbieten,  wenn jemand europäischer Abstammung aus Angst vor Masseneinwanderung in Neuseeland Muslime tötet.

Lassen Sie uns nicht stumm zuschauen, wenn die Opfer eines Schiffsunglücks mit Hubschraubern geborgen werden, da es sich bei Kreuzfahrtreisenden um die richtigen Opfer handelt, während Schiffbrüchige auf Schlauchbooten ruhig ersaufen können und die Helfer sogar noch vor Gericht gezerrt werden.

Lassen Sie uns die einfache Wahrheit vom Anfang meiner Rede nicht aus den Augen verlieren:

Ein Opfer ist ein Opfer und ein Täter ist ein Täter. Unabhängig vom Namen, Herkunft, Hautfarbe oder Religion. Jedes Opfer ist eines zu viel und jeder Täter ist einer zu viel.

Birte Könnecke

 
 

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