"konkret/sozial"

Interview mit Dr. Bernhard Strohmaier


Dr. Bernhard Stromaier

Der pensionierte Freiburger Oberarzt Bernhard Strohmaier ist Jahrgang 1946. Nach der mittleren Reife, einer Lehre als Versicherungskaufmann, dem Abitur und einem Studium der Betriebswirtschaftslehre entschloss er sich aufgrund mehrerer Grönlandaufenthalte (unter anderem bei den Inuit) schließlich zu einem Medizinstudium. Der humanitäre Aspekt seines ärztlichen Selbstverständnisses war ihm also schon gleich zu Beginn zentrales Anliegen. Um genau dafür gerüstet zu sein, legte er seine allgemeinmedizinische Ausbildung sehr breit an. Sie umfasst Anästhesie, Allgemeinchirurgie, Innere Medizin, Neurochirurgie, sowie Gynäkologie und Geburtshilfe. Schon während seiner Tätigkeit als Oberarzt in der Gynäkologie im St. Josefskrankenhaus in Freiburg engagierte sich Bernhard Strohmaier bei Hilfseinsätzen im Ausland, unter anderem in Grönland und Indonesien. 2011 wurde er nach über 30 Jahren am Josefskrankenhaus offiziell in den Ruhestand verabschiedet, sein Engagement für Hilfsbedürftige in allen Teilen der Welt ist jedoch ungebrochen. Zu seinen derzeit wichtigsten Tätigkeiten für die Vereine REFUDOCS Freiburg e.V. und Sea-Watch e.V. führten wir mit ihm dieses Gespräch.

Herr Strohmaier, was bedeutet eigentlich der Name „REFUDOCS“ und wie kam es zur Vereinsgründung?

„Refugee“ ist der englische Ausdruck für „Flüchtling“. Bei der Namensgebung wurde die dritte Silbe dann einfach weggelassen. Der Ursprung von REFUDOCS ist in München. Angesichts der großen Zahl an Flüchtlingen, die 2013 und 2014 dort ankamen, ist die Notwendigkeit ihrer medizinischen Versorgung erkannt worden.

Wie kam es dann zur Gründung von REFUDOCS in Freiburg?

Der Kinderarzt Dr. Roland Fressle und andere Ärztekollegen hatten die Notwendigkeit gesehen, auch in Freiburg für die Flüchtlinge medizinische Hilfe anzubieten. Unter ihnen war auch Dr. Zahir Nazary, der schon länger die Idee hatte, ein medizinisches Zentrum für Flüchtlinge zu gründen. Prof. Franz Geisthövel aus Freiburg befasste sich gleichzeitig mit dem Gedanken, eine Koordinierungsstelle für Flüchtlinge einzurichten, um diesen den Zugang zu Fachärzten zu ermöglichen. Es kamen also viele gute Ideen zusammen und im Dezember 2015 wurde dann der Verein REFUDOCS Freiburg, Verein zur medizinischen Versorgung von Flüchtlingen, Asylsuchenden und deren Kindern e.V. gegründet.

Was genau macht denn der Verein REFUDOCS e.V. und wie sieht Ihre persönliche Tätigkeit dort aus?

Eine Aufgabe des Vereins ist natürlich die akute medizinische Betreuung der Flüchtlinge. Daneben werden die Menschen aber auch z.B. gegen Krankheiten wie Diphtherie, Windpocken oder Röteln geimpft. Die Impfung der Kinder wird mit 25 Euro von der öffentlichen Hand bezuschusst. Dieses Geld wird neben Spenden auch für den Einsatz der dringend erforderlichen Dolmetscher verwendet.
Ich persönlich bin hauptsächlich mit der Koordination und Organisation allgemein- und fachärztlicher Untersuchungen für die Flüchtlinge beschäftigt. Den Menschen steht hier eine Grundversorgung zu, die sich mit der für einen EU-Bürger vergleichen lässt, der sich gerade in Deutschland aufhält. Ich stelle dabei den Bedarf fest und dann den Kontakt zu den geeigneten Arztpraxen. Dabei muß ich auch beurteilen, ob eventuell sogar ein Klinikaufenthalt notwendig ist. Kleinere allgemeinmedizinische Untersuchungen führe ich auch direkt vor Ort durch.
Sehr wichtig ist auch die psychologische Betreuung der oftmals traumatisierten Flüchtlinge. Als Glücksfall erwies sich, dass die Frau von Dr. Nazary, Ingrid Nazary, Psychotherapeutin ist und sich ebenfalls bei REFUDOCS engagiert. Zwischenzeitlich konnten noch weitere Psychologen gewonnen werden. In der Praxis hat sich bewährt, dass die Psychologen das erste Gespräch in der Flüchtlingsunterkunft beim Patienten führen. In der gewohnten Umgebung findet sich schneller ein Zugang zum Patienten. Die weiteren Gespräche finden dann in der Praxis der Kolleginnen und Kollegen statt. Dass wir hier sowohl weibliche, als auch männliche Kollegen gewinnen konnten, ist für unsere Arbeit natürlich sehr wichtig.

Kennen Sie konkrete Fälle, bei denen eine Psychotherapie dringend erforderlich ist?

Oh ja, da gibt es viele Fälle! Beispielhaft möchte ich hier ein achtjähriges Mädchen erwähnen, dessen Eltern auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken sind. Die Geschwister des Mädchens werden immer noch vermisst.
Ein weiterer tragischer Fall ist der eines fünfzehnjährigen Mädchens, das auf der Flucht mehrfach vergewaltigt wurde.
Sie können sich vorstellen, dass in beiden Fällen eine intensive und langwierige Betreuung erforderlich ist. Zudem ist auch das Feingefühl der Dolmetscher gefragt, die sich mit den Betroffenen in ihrer Muttersprache unterhalten und an die Therapeuten den Wortlaut möglichst genau weitergeben, damit sich diese ein umfassendes Bild der Gefühlslage der Patienten bilden können. Diese beiden Beispiele sollen genügen. Sie können sich vorstellen, dass viele Menschen durch Schläge, Folter und dergleichen psychische Schädigungen erlitten haben.

Besteht Bedarf für die Arbeit der Refudocs über Freiburg hinaus?

Ja! Wir wurden bereits von den Flüchtlingshilfen in Kirchzarten, Neustadt und auch aus dem Landkreis Lörrach angesprochen. Leider reichen unsere Kapazitäten in Freiburg nicht aus, um auch dort zu helfen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass zum Beispiel in Kirchzarten ein eigener Verein, analog zu REFUDOCS Freiburg, gegründet wird, der dann die Arbeit in diesem Bereich durchführen könnte. Hierfür sind zunächst entsprechende Räumlichkeiten erforderlich. Ich bin überzeugt, dass sich Ärzte und Psychologen im Ruhestand finden, die diese Aufgaben übernehmen könnten. Natürlich sind auch Kollegen, die noch aktiv sind, herzlich willkommen. Wir in Freiburg könnten für sie beratend und unterstützend tätig sein.

Wie geht es für Sie persönlich in der nächsten Zeit weiter?

Ich habe mich im vergangenen Jahr [2016, Anm. d. Verf.] bei Sea-Watch e.V. für einen Einsatz auf der "Sea-Watch 2" beworben und Ende des Jahres die Zusage erhalten.
Der Verein wurde 2014 gegründet, um konkret etwas gegen das Sterben im Mittelmeer zu tun und finanziert sich ausschließlich über Spenden. Er verfügt mittlerweile über zwei Schiffe, die "Sea-Watch 1" und die "Sea-Watch 2".
Ich werde also Ende Februar 2017 zunächst nach Malta fliegen, wo ich ab dem 1. März eine mehrtägige Einführung erhalten werde. Dann folgt ein zweiwöchiger Einsatz auf der "Sea-Watch 2".
Dieser Einsatz wird innerhalb der 24-Meilen-Zone vor der lybischen Küste stattfinden, wo sich teilweise unvorstellbares Grauen abspielt: Schiffe der lybischen Küstenwache, aber auch solche von örtlichen Clans und dem sorgenannten "IS" rammen absichtlich Boote mit Flüchtlingen, um diese zu versenken. Die Verletzungsbilder der Opfer weisen oft schwere Brüche und innere Verletzungen, aber auch Verätzungen durch auslaufende Kraftstoffe auf. Ziel der Mission ist es, hilflose Menschen von ihren Booten zu retten und in Sicherheit zu bringen, vor allem aber auch Verletzte zu bergen und notfallmedizinisch zu versorgen.
Nach der zweiwöchigen Mission werde ich dann wiederum mehrere Tage auf Malta verbringen. Dort wird jeweils die nächste Crew von der Vorgängercrew für ihren Einsatz informiert. Außerdem müssen wir die abgeschlossene Mission noch bürokratisch aufarbeiten, da fällt viel Schreibkram an. Wahrscheinlich sind leider auch Todesbescheinigungen darunter.

Gibt es bei einem solchen Einsatz auch psychologische Betreuung?

Ja, jedoch findet diese in aller Regel erst im Heimatland des jeweiligen Crewmitgliedes statt. Aus meinen Erfahrungen von anderen Hilfseinsätzen weiß ich, daß die Belastung erst im Nachhinein hochkommt, während eines Einsatzes "funktioniert" man eher, kommt nicht wirklich zur Ruhe. Oftmals fühlt man sich auch deswegen schlecht, weil man nach Hause zurückkehrt. Man hat das Gefühl, die Menschen vor Ort im Stich zu lassen. Da ist eine psychologische Nachbearbeitung oder Supervision sehr hilfreich!

Herr Strohmaier, wir wünschen Ihnen und Ihren Mitstreitern bei REFUDOCS e.V. und Sea-Watch e.V. alles Gute und viel Erfolg bei ihrer dringend notwendigen Arbeit. Kommen Sie alle gesund wieder nach Hause! Vielen Dank für das Gespäch!

 

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