Shutdown – Chancen eines Resets

Veröffentlicht am 23.03.2020 in Bundespolitik

Ein Reset erfasst unsere Gesellschaft, die ganze Welt, wie es selbst kitschige USA-Apokalypsenfilme kaum drastischer dar­stellen konnten. Eben noch weltweit hitzig unterwegs für Gewinnmaximierung, Profitgier und strategischen Wirtschafts­kriegen, verfällt die Welt in die Corona-Starre.

Plötzlich zählen ganz andere Werte - Gesundheit, Überleben, soziales Mit­einander, Nachbarschaft, Solidarität und Hilfe sind die neuen Buzzwords. Plötzlich wird klar, wie angreifbar der Mensch ist, wie unwichtig dagegen der tägliche Kon­sum­wahn und das ständige Optimieren an Prozessen, Systemen und Aktienkursen ist.
Es ist fast wohltuend zu sehen, wie der Shutdown auf viele Menschen wirkt - ruhiger, freundlicher, achtsamer, hilfs­bereiter erlebe ich meine Mitmenschen.

Weniger gehetzt, weniger aggressiv, weniger egoistisch (zumindest, solange genug Toilettenpapier im heimischen Schrank ist ...)

Man sorgt sich um und für einander, man setzt die Prioritäten auf viel grundlegen­dere und fundamental wichtigere Dinge – auf die Gesundheit und auf die Familie.

Unser Wirtschaftssystem basiert auf dem Grundsatz, immer schneller, immer profi­tabler, immer billiger, immer effizienter funktionieren zu müssen – und das Ganze auf Billionen von Krediten basierend, auf Luftbuchungen und Phantasiegeld. Auf Anleihen, Sanktionen, Zöllen und viel anderer Marktmanipulation.

Die kommende Bereinigung des Marktes, die Corona Rezession, die weltweit einen elementaren Eingriff darstellt und noch darstellen wird, bietet aber auch eine einmalige Chance, das Wirtschaftssystem neu zu denken und neu zu definieren. Bisher haben solche Chancen sich oft nur nach Kriegen, eher Weltkriegen geboten – die berühmte Stunde null. Von der Stunde an, sind die Systeme und Wirtschafts­wunder jeweils neu gestartet.

Unsere Gesellschaft könnte und sollte die Chance nutzen, jetzt unser Wirtschafts­system zu hinterfragen und neu zu definieren. Warum kann das Gesundheits­wesen bspw. nicht künftig als gemein­nützige GmbHs laufen, also nicht mehr nach Renditeerwartungen von wenigen Aktionären, sondern nach dem gesell­schaftlichen Auftrag der Gesundheitsvor­sorge und -erhaltung gesteuert werden. Ja, wirtschaftlichen Grundsätzen folgend, aber eben nicht soweit nach unten gespart, dass plötzlich keine Betten mehr da sind und das Pflegepersonal völlig erschöpft ist oder 170 wichtige Medikamente oder Schutz­kleidung wochenlang nicht mehr verfügbar sind.

Alles, was sich im Bereich Daseinsfürsorge bewegt, sollte aus dem Hamsterrad der Profitmaximierung rausgenommen werden Strom, Wasser, Medien, ÖPNV.

Daneben muss es weh tun, übermäßig Gewinn zu machen. Eine schwierige Diskussion – definitiv, aber sie kann doch mal geführt werden. Müssen 12% oder 8% oder 35% Rendite sein? Braucht es wirklich so viel Gewinn, um immer und immer wieder vielbesagt innovativ zu sein – und am Ende doch nur chinesische e-Autos und Smartphones nachzuäffen oder von diesen überholt zu werden? Übermäßiger Gewinn kann doch nur entstehen durch über­mäßige Ressourcenausbeutung – Ausbeu­tung von Mensch oder unserer Umwelt.

Ausbeutung war früher das, was bereits Marx und Engels beschrieben und kritisiert haben für die Fabrikarbeiter während der industriellen Revolution. Heute sind die vielen Ameisen in Büros und in den hocheffizient getrimmten Fabriken aber eigentlich am gleichen Punkt, wie zu Zeiten des Weberaufstandes 1844 – mit Millionen an Überstunden für den Profit einiger Groß­kapitalisten sorgend, die an Burnout und oder Depressionen erkranken, die frühzeitig aus dem Erwerbsleben austreten müssen und gar nicht merken, wie sehr sie am eigenen Interessen und Grundbedürf­nissen vorbeileben.

Gelebter Alltag, aktuelle gesellschaftliche Norm und Erwartung oder der eigene Konsumdrang steuern die Ameisen und Hamster unserer Zeit - nicht die Reflektion auf die Wertigkeiten, die wir aktuell im Shutdown wieder vermehrt spüren.

Ist es nicht irre, wenn Menschen auf Balkonen stehen, den Wein in der Hand und gemeinsam Musik machen ... einfach so ..., weil sie ihrem sozialen Bedürfnis nach­gehen und nicht den Konventionen von Nachtruhe, Hausordnung und Arbeits­normen. Ist es nicht großartig, wie schnell Nachbarschaftsnetzwerke entstanden sind, fern von egoistischen Zielen. Ist es nicht schön, wie viel Dankbarkeit und Lob plötz­lich die Kassiererin oder Krankenschwester bekommt.

Wir alle haben es in der Hand, unsere Gesellschaft jetzt miteinander neu zu gestalten, neu zu justieren – gemeinsam und jeder für sich selbst. Muss ich tatsächlich mehr Klopapier haben als der Nachbar, brauch ich wirklich die Corona Party oder muss ich ständig in allem „höher und weiter“ sein…

So, wie jeder nun auf Hygieneregeln Acht gibt, können wir auf unser Wirtschafts­system und unsere gesellschaftliche Aus­richtung Acht geben – jetzt gemeinsam für mehr soziale Gesundheit, auch für die Zeit nach Corona! Lassen Sie es uns einfach tun!

Thomas Thürling

 
 

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