Zu Besuch bei Friedrich Ebert in Heidelberg

Veröffentlicht am 30.10.2018 in Kreisverband

Nach längerer Vorbereitung und trotz kalten Wetters machten wir Genossinnen und Genossen uns aus dem Kreisverband Breisgau-Hochschwarzwald am Sonntag, 28. Oktober 2018, auf den Weg zum Geburtsort des ersten sozialdemokratischen Reichspräsidenten. In der dortigen Dauerausstellung konnten wir uns dank einer hervorragenden Führung sowohl in das Leben Friedrich Eberts als auch in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit hinein versetzen.

Ebert, geboren in Heidelberg am 4. Februar 1871, wuchs in einer kinderreichen Handwerkerfamilie in sehr beengten Verhältnissen auf. Wir machten uns von dieser häuslichen Enge ein gutes Bild, weil die Wohnung in fast unveränderter Form vorhanden ist und wir kaum Platz fanden in der engen Behausung. An neun Stationen der hervorragend konzipierten Ausstellung werden die Lebensabschnitte Eberts den Besuchern nahe gebracht. Der junge Führer gab uns nicht nur Informationen, sondern er deutete auch die einzelnen Entwicklungsstufen dieses bedeutenden Sozialdemokraten. Er stellte immer wieder die Frage nach der Wechselwirkung zwischen den gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten und Herausforderungen und den Entscheidungen Eberts.

In diskussionsartigen Gesprächen mit uns versuchte er Fragen zu beantworten, wie zum Beispiel warum Friedrich Ebert für die Kriegskredite im Ersten Weltkrieg stimmte oder warum er Ende 1918/Anfang 1919 mit der alten kaiserlichen Obersten Heeresleitung gegen die radikale Linke (Stichwort Spartakus-Aufstand) paktierte. So erhielten wir ein Bild von Ebert, das gekennzeichnet ist einerseits von Patriotismus und dem Wunsch nach Harmonie.

Andererseits strebte er nach Lebensverbesserungen der Arbeitermassen  durch sozialpolitische Reformen, die nicht durch gewalttätige revolutionäre Aktionen erreicht werden sollten. Ebert wollte als Reichspräsident  ein Staatsoberhaupt aller Deutschen sein, ein Vorhaben, dass er indirekt mit seinem Leben bezahlte. Er starb 1925  an einer akuten Blinddarmentzündung, die er wegen eines Beleidigungsprozesses gegen einen Redakteur der „Mitteldeutschen Presse“, nicht rasch genug behandeln ließ. Dieser Redakteur warf ihm vor, die Kriegsniederlage durch sein Verhalten vor und nach Kriegsende mitverschuldet zu haben.

Er wurde auf dem Bergfriedhof in seiner Heimatstadt im Beisein von tausenden Menschen beigesetzt. Für die damalige Zeit außergewöhnlich ist die Tatsache, dass der evangelische Pfarrer Hermann Maas ihn kirchlich beerdigte, obwohl Ebert nicht mehr Mitglied einer Kirche war. Er wurde daraufhin von seiner kirchlichen Obrigkeit heftigst gemaßregelt. Diese Umstände wurden uns von unserer Genossin Adelheid Binder am Nachmittag in der Heidelberger Heilig- Geist Kirche deutlich beschrieben. Sie hob den Mut dieses Geistlichen hervor, der sich nicht scheute in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur jüdische Mitbürger/innen zur Flucht zu verhelfen oder sie zu verstecken.

Beim gemeinsamen Mittagessen in einer urigen Gaststätte lernten wir uns als Genossinnen und Genossen näher kennen. Wir waren uns einig, dass die Exkursion sehr interessant sei und weitere Besuche dieser Art für die Zukunft ins Auge zu fassen seien. Die Aktivitäten der SPD sollten ja nicht nur aus Parteitagen und Mitgliederversammlungen bestehen, sondern auch aus gemeinsamen Erlebnissen dieser Art.

Übrigens, vor und in der Gedenkstätte wurden wir von einem Aufnahmeteam des ZDF heute-journals begleitet.

Henry Kesper

 

 
 

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