Zukunft der regionalen Landwirtschaft?

Veröffentlicht am 21.01.2020 in Ortsverein

Kühe vor der Kirchzartener Talvogtei

(Ein Artikel von Rainer Bank, der auch in unserer Zeitung erschienen ist)

 

Sich gesund ernähren will jeder. Landwirtschaft soll klima- und umweltfreundlich sein. Der Verbraucher hat es in der Hand, ob dies so ist.

 

Nicht zuletzt durch das Agrarpaket der Umweltministerin Svenja Schulze und der Agrarministerin Julia Klöckner ist die Landwirtschaft wieder mehr in den Blickpunkt des Medieninteresses getreten. Zusätzlich sorgt das Volksbegehren „Rettet die Bienen“, welches am 23. September 2019 in Baden-Württemberg angelaufen ist, für Furore.

Für den Artenrückgang, die Gewässerbelastung und den Beitrag pupsender Kühe zum Klimawandel - schnell ist die hiesige Landwirtschaft als Hauptverursacher ausgemacht. Viele Bauern beklagen die fehlende Wertschätzung für ihre Arbeit in der Bevölkerung, ja sie empfinden sich zu leidigen Subventionsempfängern und Buhmännern der Nation herabgewürdigt.

 

Erfolgsgeschichte Landwirtschaft

 

Bei genauer Betrachtung wäre die Entwicklung der Deutschen Landwirtschaft eigentlich eine Erfolgsgeschichte, welche in der Bevölkerung nicht genug gewürdigt werden kann. Während in Deutschland spätestens nach der Reichsgründung 1871 die Industrialisierung rasant an Fahrt aufnahm, war die Agrarproduktion bis Ende der 1940er Jahre größtenteils in jahrhundertelang praktizierten Methoden verhaftet geblieben. Lediglich in den landwirtschaftlichen Großbetrieben im Norden und Osten Deutschlands hatte die Technisierung Einzug gehalten und tuckerten Lanz Bulldogs oder Deutz Stahlschlepper auf den Feldern.

Infolge des 2. Weltkrieg verlor Deutschland rund ¼ seines vorherigen Staatsgebietes in den relativ dünn besiedelten Landesteilen jenseits von Oder und Lausitzer Neiße mit seinen hoch ertragreichen Böden. Gleichzeitig musste zusätzlich für rund 13 Millionen Heimatvertriebene vorwiegend in den westlichen Bundesländern Nahrung produziert werden.

Die Deutsche Landwirtschaft meisterte diese Herkulesaufgabe mit einer beispiellosen Produktionssteigerung in relativ kurzer Zeit. 1950 erntete ein Landwirt im Schnitt schlappe 1,8 Tonnen Weizen von einem Hektar und konnte somit 4 Personen von dieser Fläche ernähren. Bis 2019 stieg die Produktivität auf 7,71 Tonnen pro Hektar und 155 wohl genährte Bürger. Eine Milchkuh produzierte 1950 durchschnittlich 2.450 l Milch pro Jahr. Aktuell liegt der Durchschnitt bei 8.090 l Milch, welche eine Kuh rund ums Jahr erzeugen kann.

1950 musste auf dem Bauernhof die ganze Familie vom zarten Kindesalter bis zum Greis auf den Feldern und im Stall mit anpacken, zusätzlich waren auf den Höfen zahlreiche Knechte und Mägde erforderlich, damit der landwirtschaftliche Alltag gemeistert werden konnte. Mit Beginn der Wirtschaftswunderzeit lockten lukrativere Löhne die meisten Beschäftigten von den Bauernhöfen weg. War es einige Zeit ausschließlich die Bauersfamilie, die die tägliche Arbeit bewältigte, so wurde ab den 1970er Jahren der Einmann-Betrieb proklamiert. Trotzdem konnte durch die fortschreitende Technisierung und den Einsatz von Handelsdüngern und chemischem Pflanzenschutz diese enorme Produktivitätssteigerung erst möglich gemacht werden.

Der nichtlandwirtschaftliche Konsument kam in den Genuss gleichbleibender oder sinkender Lebenshaltungskosten. Musste ein Fabrikarbeiter anno 1950 noch 57 % seines Lohnes für seinen Lebensmitteleinkauf ausgeben, sind dies aktuell nur noch 13 % seines Verdienstes.

 

Die negativen Seiten der Agrarindustrie

 

Wo Licht ist, ist leider auch Schatten. Die enorme Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft führte zunehmend zu einem Überangebot am Markt. Wer weiterhin in der Produktion bleiben wollte, musste der Verteuerung der Produktionsmittel bei gleichzeitig stagnierenden Verkaufserlösen mit noch mehr bewirtschafteten Hektar, noch mehr Tieren begegnen.

Um die vielen, vielen Mastrinder und -schweine in den Agrarfabriken Niedersachsens satt und fett zu bekommen, reichen die hiesigen Felder längst nicht mehr aus. Die industrielle Fleisch- und Milchproduktion blockiert in Südamerika eine Agrarfläche in der Größe von Mecklenburg-Vorpommern. Und die tierischen Ausscheidungen? Am sinnvollsten wäre es, die Gülle von den mit südamerikanischer Soja gemästeten Tieren per Seecontainer wieder über den großen Teich zurück zu transportieren um dort die Böden zu düngen. Weil wirtschaftseigene Dünger (Mist, Jauche, Gülle) nur eine geringe Transportwürdigkeit haben unterbleibt dies; die anfallende Gülle wird im näheren Umkreis dieser Megaställe verklappt und sorgt für Probleme bei den kommunalen Wasserversorgern, Stichwort „Nitrat“.

Entgegengesetzt der Produktivitätssteigerung ging die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe zurück. Gab es 1950 noch gut 3,5 Millionen Bauernhöfe in Deutschland, so sank die Zahl auf aktuell 260 000 Betriebe. Da halfen auch die unzähligen Milliarden DM oder Euro nicht, die der deutsche Steuerzahler Jahr für Jahr nach Brüssel für die Unterstützung der EU-Landwirtschaft pumpt. Da wird bei der Flächenprämie kein Unterschied gemacht ob es sich um einen bäuerlichen Kleinbetrieb im Schwarzwald handelt, der mit viel Idealismus zur Offenhaltung beiträgt oder ob es sich um ein Nachfolgeunternehmen einer mecklenburgischen Agrarkolchose handelt. Wer viel hat, bekommt viel entgegen der agrarökonomischen Lehrmeinung, welche in den Landwirtschaftsschulen gepredigt wird, dass bei steigender Größe die Produktionskosten sinken. Mittlerweile haben die postkommunistischen Agrarbarone im Deutschen Bauernverband großen Einfluss und blockieren Forderungen nach einer Änderung der Agrarpolitik.

 

Bäuerliche Landwirtschaft statt Agrarindustrie

 

Eine Abkehr von der industriellen Agrarwirtschaft tut dringend not. Hier kann die Politik einiges zum Besseren wenden. Zum einen die Abkehr von der bisherigen Subventionspraxis. Dazu zählen eine Deckelung und Degression der Agrarförderung – dies käme bäuerlichen Familienbetrieben zugute. Weiter sollten gesellschaftliche Leistungen (Offenhaltung, Artenvielfalt) und umweltschonender Anbau stärker honoriert werden. Dies kann ein bäuerlicher Betrieb auch viel besser.

Dringend geboten wäre auch, dass in der Landwirtschaftlichen Ausbildung und der anschließenden Betriebsberatung andere Inhalte sowie auch ethische Werte vermittelt werden. Das jahrzehntelange Predigen des Wachsens oder Weichen hat größtenteils aus einstmals freien Bauern Knechte der Banken und Konzerne gemacht.

Staatliche Einrichtungen, wie Krankenhäuser, Altenheime, Schulen, Verwaltungsbehörden könnten in ihren Kantinen Vorreiterrollen übernehmen und künftig qualitativ hochwertige und regional erzeugte Gerichte auf ihren Speisekarten anbieten. Familien mit Kindern sollten steuerlich noch besser entlastet werden, damit sie sich den Einkauf hochwertiger Lebensmittel leisten können und nicht mehr wie bisher gezwungen sind, im Discounter Schnäppchen abzugreifen, weil die Haushaltskasse nicht mehr hergibt. Dem Fach Hauswirtschaft/Ernährungslehre sollte in den Schulen wieder ein höherer Stellenwert eingeräumt werden. Wo sonst kann die Bedeutung gesunder Ernährung vermittelt werden?

 

Und zu guter Letzt haben wir alle, jeder für sich, es in der Hand, auf welche Weise Lebensmittel produziert werden und welche Landwirtschaft wir wollen. Mit unserem Einkaufszettel und unserem Konsumverhalten haben wir täglich die Wahl, wohin die Reise in der Landwirtschaft führen soll.

 

Weiter in Richtung Industrialisierung mit all ihren Folgen oder eine Richtungsänderung zu wieder mehr bäuerlichen Familienbetrieben mit Regionalität, Artenvielfalt und Genuss.

 

Rainer Bank

 
 

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