Nachgefragt - Jennifer Sühr

Veröffentlicht am 17.01.2021 in Landespolitik

Jennifer Sühr, 36 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, in Stegen lebend und Sozialpädagogin, ist die Landtagskandidation der SPD für den Wahlkreis Freiburg 1 bei der Wahl am 14. März. In der zweiten Ausgabe unserer Zeitung haben wir sie zu sich und ihren politischen Ideen und Vorstellungen interviewt. Das Interview ist nun auch in voller Länge online:

Jenny, seit wann interessierst Du dich für Politik?

Ich bin in Lenzkirch mit vier Geschwistern aufgewachsen und mit 16 sogar schon einmal in die SPD eingetreten. Mit 17 ging ich von unserem südlichsten Bundesland in das nördlichste: nach Schleswig-Holstein, um dort ein FSJ in der Kinderbetreuung einer Mutter-Kind-Kur-Einrichtung zu machen. Da habe ich schon ein Gespür dafür bekommen, dass nicht alle im Leben die gleichen Chancen haben.
Ich lebte und arbeitete dann an mehreren Orten in Deutschland und während ich beruflich Fuß fasste und eine Familie gründete, habe ich die SPD ein bisschen aus den Augen verloren. Für Parteipolitik blieb da einfach keine Zeit. Aber im Grunde war ich immer ein politischer Mensch. Als ich Soziale Arbeit studierte, war ich hochschulpolitisch und später während der Kindergartenzeit meiner Kinder in Elternbeiräten aktiv.

Vor vier Jahren bist du dann – wieder - in die SPD eingetreten. Warum ausgerechnet in die SPD? Viele sagen ja, die sei uncool.

Ich habe mir tatsächlich sehr viele Gedanken darüber gemacht, in welcher Partei ich mich einbringe. Als ich 2019 für den Gemeinderat in Stegen und den Kreistag kandidierte, fragten mich viele, warum ich mit meinen Einstellungen nicht bei den Grünen kandidieren würde. Ausschlaggebend war für mich das Thema soziale Gerechtigkeit. Es geht mir darum, auch Menschen mitzunehmen, die am sozialen Rand der Gesellschaft leben. Und es geht darum, Strukturen zu schaffen, die nicht darauf basieren, dass nur der Stärkere erfolgreich ist und sich durchsetzt.

Findest du das Thema „soziale Gerechtigkeit“ nicht auch bei den Grünen?

Wenn ich mich mit Grünen unterhalte, dann höre ich ganz oft: Jeder hat die Wahl und damit die Möglichkeit, sich in unserer Gesellschaft zu entwickeln. Das hat sicherlich damit zu tun, dass die Grünen eine Partei der Mittelschicht und des Bildungsbürgertums sind. In aller Regel ist die grüne Klientel wirtschaftlich erfolgreich, gebildet und kann sich einen grünen Lifestyle auch leisten. Entsprechend ist ihr Denken geprägt.

Und genau das ist der Unterschied zur SPD. Es ist eben nicht so, dass jeder die Wahl hat, nein! Das Elternhaus spielt eine riesige Rolle. Unser System bietet nicht die Rahmenbedingungen, um sich unabhängig vom Elternhaus zu entwickeln. Das ist in den jährlich wiederkehrenden PISA-Studien vielfältig belegt: das deutsche Schulsystem ist nicht durchlässig.

Und jetzt kandidierst du sogar für den Landtag. Wie kam es zu diesem Entschluss?

Dieser Wunsch rührt auch von meiner Arbeit her. Ich habe den Wunsch, die Rahmenbedingungen auf höherer, landespolitischer Ebene mit zu beeinflussen und zu gestalten. Seit sieben Jahren arbeite ich nun in der sozialrechtlichen und psychosozialen Beratung von Schwangeren und Familien. Und erlebe täglich, dass die Probleme vieler Menschen in unserem politischen und gesellschaftlichen System begründet liegen.
Im bildungspolitischen Bereich geht es da um die Chancengerechtigkeit oder im arbeitspolitischen Bereich um prekäre Beschäftigungsverhältnisse oder niedrige Löhne. Der Staat sollte solche Rahmenbedingungen schaffen, dass Menschen sich entfalten und entwickeln können und dies unabhängig von Elternhaus oder Herkunft. Darüber hinaus sollte jede Arbeit nicht nur wertgeschätzt, sondern auch entsprechend entlohnt werden. In der Corona-Krise hat sich ja gezeigt, dass gerade die nicht wertgeschätzten und schlecht entlohnten Tätigkeiten wichtig für das Funktionieren unserer Gesellschaft, dass sie systemrelevant sind.
Unter der grün-schwarzen Landesregierung fand in den letzten Jahren eine verstärkte Polarisierung statt, die Schere zwischen arm und reich klafft mehr und mehr auseinander. Die Regierungsparteien und insbesondere die Grünen vertreten nur noch unzureichend die Punkte, die mir wichtig sind und da möchte ich einen Gegenpol dazu aufbauen.

Ist unser soziales Sicherungssystem denn so schlecht?


Nein, aber die Rahmenbedingungen habe sich verändert. Was nützt mir Arbeitslosengeld II, wenn ich keine Wohnung finde? Die extrem hohen Mieten und die Wohnungsknappheit in unserer Region sind ein großes Problem.
Zu den geänderten Rahmenbedingungen gehören ebenfalls niedrige Einkommen vor allem in den typischen Frauenberufen, sei es in Bereich der Pflege, der Erziehung, aber auch Frisörinnen, Verkäuferinnen, Reinigungskräfte. Mit diesen Einkommen kann man keine Familie ernähren und schon gar nicht hohe Mieten bezahlen.
Beschäftigungsverhältnisse müssen so sein, dass man vom Einkommen auch ein Auskommen hat. Der Mindestlohn war ein erster Schritt. Die SPD möchte ihn auf 12,- Euro aufstocken, weil er derzeit nicht ausreicht.  

Du trittst ja in einem sehr heterogenen Wahlkreis an, er umfasst das städtische Freiburg und den ländlichen Hochschwarzwald mit seinen ganz eigenen Problemen. Was liegt dir für den ländlichen Raum besonders am Herzen?

Ich hatte jetzt während der Coronakrise zu mehreren Bürgermeistern Kontakt und sehe, dass vielen Kommunen finanziell das Wasser bis zum Hals steht. Da ist mir ein großes Anliegen, dass die Gemeinden von Land und Bund finanziell so ausgestattet werden, dass ihre Handlungsfähigkeit bestehen bleibt. Seit Jahren fordert die SPD da ja schon, dass das Land die Personalkosten der Kitas und Kindergärten übernimmt. Das wäre eine echte Entlastung für die Gemeinden.
Außerdem muss den Kommunen ermöglicht werden, die Daseinsvorsorge im ländlichen Raum zu garantieren. Auch auf den Dörfern muss es eine medizinische Versorgung vor Ort geben, Kitas, Kindergarten, Schulen müssen gut erreichbar sein und das Netz des öffentlichen Nahverkehrs muss sehr gut ausgebaut und kostengünstig nutzbar sein. Für den Hochschwarzwald spielt auch der Tourismus als Einkommensquelle eine große Rolle. Da wissen wir noch gar nicht so genau, wie sehr sich die wirtschaftlichen Folgen des Shutdowns in dieser Branche auswirken. Das Ziel muss jedoch ein nachhaltiger Tourismus sein, denn der Tourismus lebt von einer intakten Natur. Ich kenne viele Betriebe, die da auf einem guten Weg sind. Solche Entwicklungen müssen gefördert werden.

Stichwort „Intakte Natur“ – aufgrund extremer Trockenperioden in den letzten zwei, drei Jahren und dem dazukommenden Borkenkäferbefall, steht der Wald sehr schlecht da.

Die Waldwirtschaft ist ein Riesenthema, ja. Die Waldeigentümer, egal ob es die Kommunen, der Staat oder Private sind, haben mit großen Verlusten zu kämpfen. Wir müssen jetzt schauen, wie der Wald umgebaut und so entwickelt werden kann, dass er mit dem Klimawandel klarkommt. Inwieweit während dieser Umbauphase noch Einnahmen aus dem Wald generiert werden könne, ist unklar. Deshalb sehe ich auch eine Chance in der Windkraftnutzung und zwar in der Art, dass die Gemeinden finanziell davon profitieren.

Was würdest du denn ändern, wenn du könntest?

Ich würde die Bildungspolitik verändern und die Gemeinschaftsschule zur Regelschule machen. Wir müssen wegkommen von diesem selektionierenden Schulsystem, in dem nach der vierten Klasse sortiert wird, wer welchen Schulabschluss macht. Kinder unterschiedlichster Herkunft sollen so lange wie möglich zusammen zu Schule gehen und gemeinsam lernen. Gemeinschaftsschulen können einerseits den Leistungsgedanken aufrechterhalten und andererseits unterschiedliche Schulabschlüsse ermöglichen. Überhaupt muss Schule sich mehr an den Kindern und Jugendlichen orientieren. Die Frage ist nicht: „Was muss ein Kind leisten, um an der Schule zu bestehen?“ sondern umgekehrt: „Was muss Schule leisten, damit ein Kind an ihr bestehen kann?“

Umwelt- und Klimaschutz ist dir ja auch ein großes Herzensanliegen. Findest du dich da in der SPD wieder?

Auf den ersten Blick war mir die SPD tatsächlich immer zu weit weg von der Umweltpolitik, aber im SPD-Ortsverein Dreisamtal traf ich auf sehr umweltbewusste Genossen und Genossinnen. Mich hat beeindruckt, mit welch einem Selbstverständnis sie umweltpolitische Gedanken nicht nur persönlich leben, sondern sich auch politisch auf allen Ebenen dafür einsetzen. Die soziale Frage mit der ökologischen zu verbinden ist für mich nur logisch. Der Ortsverband hier vor Ort tut das und ich habe festgestellt, dass die Gesamtpartei ebenfalls dafür steht. Die soziale Frage wird sich verschärfen, wenn wir den Klimawandel nicht aufhalten. Andererseits darf der Klimaschutz die soziale Frage nicht aus den Augen verlieren. Dafür steht die SPD und darin finde ich mich zu 100% wieder!


Die Fragen stellten Marlene Greiwe und Dagmar Engesser

 

 

 
 

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